Sagenhaftes und Märchen

Die Wunderblume im Selketal

Im Selketal unweit Meisdof im Harz, wo die Burg Falkenstein sich erhebt, lebte vor vielen hundert Jahren der junge Schäfer Tidian, ein Sonntagskind. Als er einst am Johannitage seine Herde am Abhang des Berges weidete, fand er eine Blume von wunderbarer Schönheit, wie er sie noch nie gesehen hatte. Er pflückte sie ab, steckte sie auf seinen Hut und erblickte alsbald mit Staunen eine weit geöffnete Grotte, deren Boden mit schimmern­dem Goldsand bedeckt war. Eine Stimme hieß ihn nehmen, so­viel er begehre. Da er arm war und ein Mädchen liebte, das ihm dessen Eltern verweiger­ten, so füllte er seine Taschen und trat fröhlich aus der Grotte, die sich so­gleich hinter ihm schloß. Am andern Tage ging er zum Goldschmied in die Stadt, der ihm die wundervoll glän­zenden Körner für schweres Geld abkaufte. Von da an fand der Schäfer an jedem Neumond die Grotte offen, vernahm den Spruch und füllte seine Taschen.

Nun wollte sich der Graf von Falkenstein damals vermählen. Er ritt zum Gold­schmied und forderte einen Ring von feinstem Golde. Der hieß ihn einen von Tidians Golde nehmen und erzählte ihm auf Befragen, wo dieses herkomme. Der Graf ritt sogleich zum Schäfer, zwang ihm sein Geheimnis ab und holte nun auch von Zeit zu Zeit von dem Golde. Doch je reicher er wurde, desto mehr plagte ihn der böse Geist mit der Furcht, Tidian möchte noch andere zu den Schätzen führen und die Grotte gänzlich leeren. Darum berief er den nichts ahnenden Hirten in sein Schloß, ließ ihn durch zwei Knechte überfallen und grausam blenden. Doch als der Graf am nächsten Neu­mond wieder in die Grotte trat, vor welcher der Schäfer traurig saß, da rief eine Stimme aus der Tiefe Fluch über ihn, und er kam nie mehr heraus.

Des Schäfers Braut aber heiratete den Blinden und pflegte ihn mit zärtlicher Liebe. Einst als sie am Johannistage mit ihm die Herde hütete, sah sie die Wunderblume am Abhang des Berges und ver­nahm eine Stimme, die ihr zurief: „Pflücke die Blume und heile deinen Gatten!" Sie brach die Blume, strich damit über Tidians Augen, und als­bald konnte er wieder sehen. Nun lebten sie noch viele Jahre froh und zufrieden beisam­men, obwohl die Goldhöhle sich nicht wieder öffnete.

Klee, Gotthold: Sieben Bücher deutscher Volkssagen (Gütersloh, C. Bertelsmann, 1892)

 

Der Mägdesprung

Im Selketale zwischen Ballenstedt und Harzgerode findet sich auf einem hohen Fel­sen ein zehn Fuß hohes eisernes Kreuz, bei welchem sich im Gestein eine Vertiefung zeigt, die einige Ähnlichkeit mit einer menschlichen Fußstapfe hat. Achtzig bis hun­dert Fuß weiter läßt sich eine zweite Fußspur erkennen. Wie dieselben entstanden sind, erzählt folgende Sage.

Ein Riesenfräulein kam einst vom Petersberge bei Halle herbei, um sich auf dem Rücken des Harzes zu ergehen. Als sie die Felsen erreicht hatte, die über den Hütten­werken des Ortes Mägdesprung stehen, blickte sie auf und gewahrte drüben auf der Spitze des Ram­berges ihre Gespielin, die ihr mit der Hand zuwinkte. Einen Augen­blick zögerte sie, denn das breite und tiefe Selketal trennte sie von dem Ramberge. Wie sie so stand, drückten sich ihre Füße tief in den Felsen, wovon heutzutage noch die Spuren zu sehen sind.

Ein Bauer, der in der Nähe pflügte, spottete ihres Zögerns. Da streckte die Hünin ihre Hand aus, hob den Bauer samt Pflug und Pferden in ihre Schürze und hüpfte dann mit einem einzigen Sprunge über das Selketal hinüber zu ihrer Freundin. Der Bauer aber ent­wand sich während des Nieder Sprunges glücklich den Falten ihrer Schürze, und froh, daß er den Erdboden wieder unter seinen Füßen hatte, trat er den Heimweg an.

Nach: Grimm, Brüder, Deutsche Sagen. 2. Aufl. (Berlin 1865) und Richter, J. W. Otto (Otto von Golmen): Deut­scher Sagenschatz. 3 Bde. (Flemming, Glogau 1899-1901)

 

Die Roßtrappe

Vor tausend und mehr Janren, ehe noch die Raubritter die Homburg, Lauenburg, Stecklenburg und Winzenburg erbau­ten, war das Land rings um den Harz von Riesen bewohnt, die Heiden und Zauberer waren, Raub, Mord und Gewalttat ver­übten. Sech­zig jährige Eichen rissen sie samt den Wurzeln aus und fochten damit. Was sich ihnen entgegenstellte, wurde mit Keulen niedergeschlagen. Weiber und Kinder wur­den in die Gefangenschaft fortgeschleppt, wo sie Tag und Nacht dienen mußten.

In dem Boheimer Walde hauste damals ein Riese, Bodo genannt. Alles war ihm Unter­tan-, nur Emma, die Königstocher vom Riesen-gebirge, die konnte er nicht zu seiner Liebe zwingen. Stärke noch List halfen ihm nichts, denn sie stand mit einem mächtigen Geiste im Bund. Einst aber ersah sie Bodo jagend auf der Schneekoppe und sattelte sogleich seinen Zelter, der meilenlange Fluren im Augen­blick über­sprang. Er schwur, Emma zu fahen oder zu sterben. Fast hätV er sie erreicht; als sie ihn aber zwei Meilen weit von sich er­blickte und an den Torflügeln eines zerstörten Städtleins, welche er im Schilde führte, erkannte, da schwenkte sie schnell das Roß. Und von ihren Sporen getrieben, flog es über Berge, Klippen und Wälder durch Thürin­gen in die Gebirge des Harzes, Oft hörte sie einige Meilen hinter sich das schnau­bende Roß Bodos und jagte dann den nimmermüden Zelter zu neuen Sprüngen auf.

Jetzt stand ihr Roß verschnaufend auf dem furchtbaren Fels, der Hexentanzplatz heißt Angstvoll blickte Emma in die Tiefe, denn mehr als tausend Fuß ging senkrecht die Felsenmauer hinab zum Abgrund. Tief unten rauschte der Strom und kreiste in furchtba­ren Wirbeln. Der entgegenstehende Fels schien noch entfernter und kaum Raum zu haben für einen Vorderhuf des Rosses. Von neuem hörte sie Bodos Roß schnau­ben. In der Angst rief sie die Geister ihrer Väter zu Hilfe, und ohne Besinnen drückte sie ihrem Zelter die ellenlangen Sporen in die Seiten. Und das Roß sprang glücklich über den Abgrund und die spitze Klippe und schlug seinen Huf vier Fuß tief in das harte Gestein, daß die Funken stoben. Das ist die Roßtrappe. Die Zeit hat die Vertiefung kleiner gemacht, aber kein Regen kann sie ganz verwischen,

Emma war gerettet. Aber die zentnerschwere goldene Königs­krone fiel während des Sprungs von ihrem Haupt in die Tiefe. Bodo, in blinder Hitze nachsetzend, stürzte in den Strudel und gab dem Fluß den Namen. Hier bewacht er als schwarzer Hund die goldene Krone der Riesentochter, daß kein Gelddurstiger sie heraushole. Ein Taucher wagte es einst unter großen Versprechungen. Er stieg in die Tiefe, fand die Krone und hob sie in die Höhe, daß das zahllos versammelte Volk schon die Spitzen golden schimmern sah. Aber zu schwer, entsank sie zweimal seinen Händen. Das Volk rief ihm zu, das drittemal hinabzusteigen. Er tat's, und ein Blutstrahl sprang hoch in die Höhe. Jetzo deckt tiefe Nacht und Stille den Ungrund. Kein Vogel fliegt darüber. Nur um Mitternacht hört man oft in der Ferne das dumpfe Hundegeheul des Heiden.

Grimm, Brüder, Deutsche Sagen. 2. Aufl. (Berlin 1865)

 

Die Teufelsmauer

Als Karl der Große die Sachsen zum Christentum bekehrt hatte, da verödeten die heidni­schen Opferstätten, und an vielen Orten erhoben sich Kirchen und Klöster. Dar­über ärgerte sich niemand mehr als der Teufel, der von der Höhe des Blocksbergs aus Umschau hielt. Als er sah, daß sogar in unmittelbarer Nähe des Harzes Kirchen und Kapellen erbaut wurden, beschloß er, sein Gebiet durch eine riesige Mauer zu schützen.

In der nächsten Walpurgisnacht begann er mit allen seinen höllischen Genossen eine gewaltige Mauer aufzurichten, die sollte die Grenze bilden zwischen seinem Reiche dem des Herrn. So türmten sie Felsmassen und Gesteine hoch und fest übereinander zu einem schier unübersteigbaren Bauwerk. Aber was sie in der Nacht aufgebaut hat­ten, das verlor im Licht der Sonne seinen Halt und fiel wieder morsch zusammen. Schließlich mußte der dumme Teufel einsehen, daß es ihm doch niemals gelingen werde, die Ausbreitung des Gottesreiches zu verhindern.

Sein Werk verfiel bis auf einige Überbleibsel, die bis auf den heutigen Tag unter dem Namen „Teufelsmauer" bekannt sind. Wer von Blankenburg nach Thale fährt, kann sie noch emporragen sehen.

Nach: Günther, Friedrich: „Aus dem Sagenschatz der Harzlande“ (Manz u. Lange, Han­no­ver-Linden 1893) und Richter, J. W. Otto (Otto von Golmen): Deutscher Sagenschatz. 3 Bde. (Flemming, Glogau 1899-1901)

 

Der Glockenguß zu Stolberg

Am Hardtwalde bei Steigerthal (im Kreise Ilfeld) steht ein alter Stein, in dem eine Glocke und eine Keule eingehauen sind. Was mag er bedeuten?

In Stolberg am Harz wohnte einst ein gar geschickter Glockengießer, und weit und breit erklang von manchem Turm ein liebliches Geläute zur Ehre Gottes, das aus seiner Werkstatt hervorgegangen war. Nun bestellte auch die Stadt Stolberg bei ihm eine Glocke, und voller Freude darüber, daß er seinem Heimatort ein Werk seiner Hände hinterlassen konnte, machte er sich an die Vorbereitung zum Guß, um eine Glocke her­zustellen, die alle anderen, die er geschahen hatte, weit übertreffen sollte. Aber diesmal wollte ihm der Guß, soviel er auch sann und suchte, durchaus nicht nach Wunsch gelingen.

Verdrießlich unterbrach er seine Arbeit und machte sich auf, um seinen Vater, der ein berühmter Glockengießer in Nordhausen war, um Rat zu fragen. Seinem Gesellen aber befahl er, auf den Tag seiner Rückkehr alles zur Wiederaufnahme des Gusses bereit zu halten. Damit war der Geselle nun bald fertig, und er sann und zer­brach sich den Kopf, warum dem Meister, mit dem er schon so manche schöne Glocke gegossen hatte, dies­mal die Arbeit nicht ge­lungen war. Nach langem Grübeln glaubte er den Grund erkannt zu haben, und nun arbeitete er rastlos Tag und Nacht, um den Meister freudig zu überraschen, und siehe, der Guß gelang vor­trefflich.

Doch jetzt mischte sich in seine Freude auch die Besorgnis, ob der Meister seine Eigen­mächtigkeit gutheißen werde, und er beschloß, ihm entgegen zu ziehen und ihm alles zu gestehen. Er traf ihn am Hardtwalde bei Steigerthal, wie er sich da niedergelas­sen hatte, um sich von dem anstrengenden Marsche zu erholen. Verwundert schaute der Meister auf, als er den Jüngling ihm entgegenkommen sah, und erkundigte sich nicht ohne Besorgnis, wie es zu Hause stände. Da konnte dieser das Geheimnis nicht länger bewahren, und erzählte dem Meister, wie alles gekommen war, und daß die Glocke nun fertig und wohlgelungen zu Hause stehe. Je weiter er sprach, desto dicker schwollen dem Meister die Zornesadern; die Scham, von seinem Gesellen übertroffen zu sein, wurde zur grimmigen Wut, und ohne zu wissen, was er tat, sprang er auf, er­griff seinen Knoten­stock und versetzte dem Jüngling einen so gewaltigen Hieb über das Haupt, daß er lautlos zusammenbrach.

Als er den unglücklichen Gesellen blutüberströmt am Boden liegen sah, da erwachte er aus seinem Zorn; das Entsetzen ob der gräßlichen Tat packte den starken Mann, und von Gewissensangst gejagt, eilte er von dannen. Doch bald kehrte er um und lief den­selben Weg wieder zurück; vielleicht war der Unglückliche noch zu retten, der Blut­strom noch zu stillen. Vergebliche Hoffnung - er lag starr und kalt, mit gebrochenem Auge da.

Nun irrte er die ganze Nacht unstät und flüchtig im Walde um­her. Als aber der Morgen anbrach, wurde er ruhiger; er wußte nun, was er zu tun hatte. Er ging nach Stolberg und stellte sich dem Ge­richte, und da er selber alles eingestand, so bedurfte es keiner langen Untersuchung; er wurde zum Tode verurteilt und nach der Hinrichtung an der Stelle eingescharrt, wo er zum Mörder geworden war. Der erschlagene Jüngling aber wurde auf dem Kirchhofe des jetzt wüsten Dorfes Grumbach begraben.

Nach: Günther, Friedrich: „Aus dem Sagenschatz der Harzlande“ (Manz u. Lange, Han­no­ver-Linden 1893)

 

Die Teufelsmühle am Ramberg

Auf dem Gipfel des Kamberges (zwischen den Tälern der Bode und Selke) liegen teils zerstreute, teils geschichtete Granitblöcke, die man die Teufelsmühle nennt, da­von geht fol­gende Sage.

Ein Müller hatte sich am Fuße des Ramberges eine Windmühle erbaut, der es aber zuweilen an Wind fehlte. Da wünschte er sich oft, wenn er doch eine Mühle hätte, die oben auf dem Berggipfel stände und beständig im Gange bliebe. Menschenhände aber konnten solch eine Mühle unmöglich erbauen.

Weil nun der Müller beständig daran dachte, so erschien ihm der Teufel und sprach: „Ich will dir eine tadelfreie Mühle oben auf dem Gipfel des Ramberges bauen mit sechs Mahlgängen, wenn du mir dafür deine Seele verschreibst.“ Da antwortete der Müller: „Ja, sie muß aber in der nächsten Nacht noch vor dem ersten Hahnenschrei fix und fertig sein!“ Der böse Feind war's zufrieden und begann so­fort den Bau. Er türmte Felsen auf Felsen und baute eine Mühle, wie ihresgleichen noch nicht gesehen war.

Als aber der Müller an der geschwinden Arbeit merkte, daß die Mühle noch vor der festgesetzten Zeit vollendet sein würde, reuete ihn sein Vertrag, und er sann auf eine List Er setzte den schon fertig daliegenden Mühlstein insgeheim auf die runde Seite und ließ ihn den Berg hinablaufen. Als das der Teufel sah, dachte er den Stein noch zu erhaschen und sprang ihm nach. Allein der Mühlstein tat immer einen Satz stärker als den andern, so daß ihm der Böse nicht folgen konnte, sondern ganz bergab mußte, eh er ihn zu fassen be­kam. Nun mühte er sich, ihn schnell wieder bergan zu wälzen. Aber er hatte ihn noch nicht ganz oben, als der Hahn krähte und den Ver­trag zunichte machte.

Wütend faßte der böse Feind das Gebäude, riß Flügel, Räder und Wellen herab und streute sie weit umher, um dem Müller, der eine beinahe fertige Mühle umsonst zu erhalten glaubte, das Wiederauf­bauen zu vereiteln. Dann schleuderte er auch die Fel­sen rings um­her, daß sie den ganzen Ramberg bedeckten. Nur ein kleiner Teil der Grund­mauern blieb stehen zum Angedenken jener Mühle.

Nach: Grimm, Brüder, Deutsche Sagen. 2. Aufl. (Berlin 1865)